KOMMENTAR: Sündenfall Sanader
Ivo Sanader hat die Demütigungen der vergangenen Wochen satt. Soeben waren die Beitrittsverhandlungen der EU mit Kroatien auf Eis gelegt worden. Nicht etwa, weil Kroatien nicht genügend für eine Integration getan hätte, sondern weil das nicht mal halb so große und halb so stark bewohnte Nachbarland Slowenien sein Veto eingelegt hatte – es liefert sich seit dem Zerfall Jugoslawiens einen für Außenstehende lächerlichen Kleinkrieg um den Grenzverlauf mit Kroatien. Anstatt das Mitgliedsland Slowenien zu disziplinieren, hat die EU lieber Mitgliedsanwärter Kroatien einen Korb gegeben und damit auf dem Balkan ein kapitales Eigentor geschossen.
Kroatien ist sicher ein Musterschüler unter den Beitrittskandidaten – das ging sogar soweit, dass Sanader ohne Not die serbische Minderheit ins Kabinett holte, um nach dem Bürgerkrieg der 90er die Aussöhnung der beiden Volksgruppen voranzubringen. Zurecht stellen sich die anderen Balkanländer die Frage, wenn schon Kroatien nicht in die EU gelassen wird, wie es dann erst mit den Beitrittsversprechen für ihre Staaten aussieht. Beim Ministerpräsidenten der bosnischen Republika Srpska, Milorad Dodik, ist daraus die Erkenntnis gereift, dass die Brüsseler Belohnung für teils schmerzliche Reformen vor allem heiße Luft ist, andere Regierungschefs werden sich dieser Analyse wohl bald anschließen. Eine einseitige politische Fixierung auf die EU wäre dann ein Irrweg gewesen, weil die erwartete Rendite ausbleibt.
Dass Länder wie Serbien, Bosnien, Albanien oder Mazedonien in absehbarer Zeit der EU beitreten, das war bei nüchterner Betrachtung der Lage von vornherein unrealistisch. Hier wurden von der EU Erwartungen geweckt, die sie genauso wenig halten kann wie gegenüber der Türkei. Dass jedoch nicht mal der Musterschüler Kroatien aufgenommen wird und der dortige Regierungschef nun frustriert das Handtuch wirft, dass dürfte auf dem Balkan starke Verbitterung und Resignation auslösen.
Falko Wittig
Filed under: Balkan, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Kroatien, Mazedonien, Montenegro, Serbien, Slowenien, Srpska | Leave a Comment
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