Die Aussagen kroatischer Kirchenvertreter in Bosnien geben Anlass zur Sorge. Franjo Komarica, Bischof der Republika Srpska, beklagt im Spiegel-Gespräch, dass die Zahl der Kroaten in der Teilrepublik von einst 220.000 auf heute nur noch 13.000 zurückgagangen ist, die meisten sind im Rentenalter. Der Kardinal von Sarajevo, Vinko Puljic, berichtet, in den vergangenen zwei Jahren seien 500 kroatische Familien aus dem muslimisch dominierten Sarajevo ausgewandert. In vielen Teilen Bosniens hat sich ein Exodus der Kroaten ereignet, eine Entwicklung, die im Bürgerkrieg mit Serben und Muslimen 1992 bis 1995 begann und auch nach dem Friedensvertrag von Dayton kein Ende fand. Selbst in der Herzegowina geht die kroatische Bevölkerung zurück.
Was droht, ist eine Marginalisierung der kroatischen Bevölkerung und des katholischen Glaubens in Bosnien und Herzegowina, und das unter den Augen der internationalen Gemeinschaft, die das instabile Land nach wie vor überwacht. Von multiethnischem Zusammenleben kann keine Rede sein. Während die Serben in ihrer Republika Srpska das Projekt eines ethnisch reinen serbischen Teilstaates erfolgreich vorangetrieben haben und kaum Kroaten und Muslime zurückgekehrt sind, entmischen sich nun auch Muslime und Kroaten. Auch in der Hauptstadt Sarajevo schreitet die Islamisierung voran, in der Stadt, wo sich vor Kriegsbeginn in einer Volkszählung 1991 noch ein signifikanter Teil der Bevölkerung ethnisch neutral als Jugoslawen bezeichnete.
Für die Kroaten ist die Entwicklung bedrohlich, denn in der Föderation mit den Muslimen sitzen sie aufgrund der Bevölkerungsverteilung am kürzeren Hebel. Wie tief das Misstrauen sitzt, zeigt die Situation in Mostar. Dort können sich kroatischer und muslimischer Block seit Monaten nicht auf einen gemeinsamen Bürgermeister einigen, mit der Folge, dass die Stadtverwaltung nicht mehr arbeiten kann – denn es gibt keinen Haushalt, und somit werden keine Gehälter und offenen Rechnungen bezahlt.
So verwundert es nicht, dass einige kroatische Politiker mit wohlwollendem Interesse einen Vorschlag des Ministerpräsidenten der Republika Srpska zur Verfassungsreform verfolgen. Dodik will den Kroaten einen eigenen Landesteil zugestehen und zugleich Sarajevo der Föderation ausgliedern. Zugleich sollen die Rechte der Teilstaaten gestärkt werden.
Auch wenn man an Dodiks Vorschlag vieles als wenig hilfreich und egoistisch kritisieren muss, ist die Idee eines eigenen kroatischen Teilstaates in Bosnien richtig. Schon der Vance/Owen-Plan zur Befriedung Bosniens sah während des Krieges für Serben, Kroaten und Muslime Gebiete vor, in denen sie jeweils die politische und kulturelle Hoheit hatten, bei Wahrung der Rechte der anderen Volksgruppen. Die Muslimisch-Kroatische Föderation als beschrittener Weg der Dezentralisierung wurde den Interessen der bosnischen Kroaten nicht gerecht, weil diese hier zu wenig Einfluss haben.
Eine weitere Zentralisierung wird den Interessen der Kroaten und der Serben erst recht nicht gerecht – sie nützt nur den Muslimen (Bosniaken) und ihrem Wunsch, mehr Macht auszuüben. Denn sie stellen mit knapp 50 Prozent die größte Bevölkerungsgruppe. Alles wird besser mit mehr Zentralgewalt – seit Jahren propagiert die EU diesen irrsinnigen Weg. Doch anders als von Brüssels Strategen behauptet ist eine weitere Zentralisierung Bosniens kein Allheilmittel. Sie löst nur starke Abwehrreaktionen – insbesondere bei Serben und Kroaten – und damit weitere Destabilisierung aus. Es zeigt die Inkompetenz und Borniertheit der EU, dass trotzdem im Zuge der europäischen Integration weiter auf eine stärkere Machtverlagerung nach Sarajevo gepocht wird.
Besser wäre das Gegenteil. Bosnien sollte statt der jetzt zwei in drei Entitäten aufgeteilt werden, mit einem schwachen Gesamtstaat, wie er zum Beispiel in der Verfassung der Staatenunion Serbien und Montenegro vereinbart wurde. Zugleich sollte die EU dabei stärker überwachen und durchsetzen, dass Serben, Kroaten und Muslime die Rechte der jeweiligen Minderheiten in ihren Gebieten wahren. Die Muslime müssen sich in Bijeljina genauso willkommen und zuhause fühlen wie die Serben in Bosanski Petrovac oder die Kroaten in Travnik.
Eine solche (auch erzwungene) Dezentralisierung hilft eher, die endlose Blockade des Landes zu überwinden und gibt den drei Volksgruppen die Existenzsicherheit und Gewissheit, die sie für eine weitere konstruktive Entwicklung des Balkanstaates brauchen. Kritiker werden empört beklagen, dies bedeute den Todesstoß für ein echtes multiethnisches Bosnien und Herzegowina. Sie übersehen, dass dieses Bosnien seit 1992 tot ist, aufgrund der von Muslimen und Kroaten – gegen den Willen der bosnischen Serben – durchgesetzten Unabhängigkeit und des daraus resultierenden Bürgerkrieges. Die internationalen Wiederbelebungsmaßnahmen nach Dayton sind gescheitert: Muslime, Kroaten und Serben leben nebeneinander und nicht miteinander - nur wollen das die westlichen Wiederaufbauhelfer und Geostrategen in ihrer Verblendung auch heute noch nicht wahrhaben. Wer räumt schon gerne ein, dass ein milliardenteurer Feldversuch sich als Fehlschlag erwiesen hat.
Die Stärkung der Rechte der Volksgruppen durch und in eigenen Entitäten bietet eine reelle Chance, das Überleben Bosniens als Gesamtstaat zu sichern. Auch fast 17 Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung und mehr als 13 Jahre nach dem Dayton-Vertrag wird das Land nur durch äußeren Zwang zusammengehalten. Alleine lebensfähig ist Bosnien nicht.
Falko Wittig
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