Als im August 2008 Georgiens Präsident Saakaschwili seiner Armee den Befehl gab, die abtrünnige südossetische Hauptstadt Tschinwali in Schutt und Asche zu legen, hatte er sich verkalkuliert. Saakaschwili war in die russische Falle getappt. Nun sieht es so aus, als wäre der russische Bär selbst in die Falle geraten – in die Gasfalle der Ukraine. Mag die Forderung Moskaus gegenüber Kiew nach angemessener Bezahlung für Gaslieferungen auch noch so berechtigt sein – mit dem Abdrehen des Gases für halb Südosteuropa dürften Putin und Medwedew langfristig ein Eigentor geschossen haben.

Während Russland und die Ukraine über Gaspreise und politischen Einfluss stritten, brach auf dem Balkan die Energieversorgung zusammen, mussten in Bulgarien, Serbien oder Bosnien-Herzegowina hundertausende Menschen in ihren kalten Wohnungen frieren.  Unzählige Betriebe stellten ihre Produktion ein, weil kein Gas mehr ankam und es in den Ländern kaum Reserven gab. Der westwärts orientierten Regierung in Kiew ist es in diesem Intrigantenstadl wieder einmal geschickt gelungen, sich selbst als Opfer  darzustellen und den Schwarzen Peter nach Moskau weiterzugeben. Und das, obwohl vieles darauf hindeutet, dass die Ukraine für sich skrupellos aus den nach Westeuropa laufenden Pipelines Gas abgezweigt hat, was letztlich zum russischen Lieferstopp führte.

Auch wenn diese Entscheidung Moskaus verständlich ist, war sie die falsche. Denn damit wurde ein Kollateralschaden in Kauf genommen, den Russland vielleicht eines Tages noch zutiefst bedauern wird. Auch der Kreml kann es sich nicht leisten, seine Freunde zu verprellen, die es in den slawischen Staaten Südosteuropas bis heute reichlich gibt. Was aber sollen russophile Politiker in Belgrad oder Sofia ihren Landsleuten sagen, wenn Hundertausende frieren müssen, weil Russland die Ukraine massregelt, in einem Konflikt, mit dem sie nichts zu tun haben.

Es waren letztlich Deutschland, Österreich und Ungarn, die Serbien in schlimmster Not mit Erdgas versorgt haben. Und es war die Ukraine, die Moldawien und Bulgarien jetzt aus ihren Gasspeichern mit dem Nötigsten versorgte. Das schafft Dankbarkeit und neue Nähe. Russland dagegen ließ das Schicksal dieser Länder im Gasstreit kalt. Erst heute scheint man zu erkennen, wieviel Porzellan durch diese ignorante und hartherzige Haltung zerbrochen wurde. Warum sonst würde  Gazprom nun auf einmal ankündigen, den notleidenden Balkanländern schon vor Umsetzung eines Abkommens wieder in minimaler Menge Gas zu liefern.

Die Lehre für die Balkanländer ist, dass sie sich auf Moskau nicht verlassen können. Damit hat sich Russland, dass in den vergangenen Jahren im Zuge seines Wirtschaftsaufschwungs gerade erst wieder ökonomisch, aber auch politisch, an Einfluss gewonnen hatte, selbst geschadet. Und die EU? Sie könnte als Gewinner aus dem Konflikt hervorgehen, wenn sie sich mit ihren notleidenden Mitglieds- und Kandidatenländern solidarisch zeigt und zukünftig mehr Rücksicht auf ihre Bedürfnisse nimmt. Hätte man beispielsweise Bulgarien nicht gezwungen, im Zuge des EU-Beitritts zwei seiner Atomreaktoren abzuschalten, wäre das Land heute nicht so einseitig von russischen Gaslieferungen abhängig und hätte die Krise weit besser überstehen können.

Falko Wittig